Start

Wir über uns

Aktuelles

Pressearchiv

Links

Kontaktformular

Impressum

Presse

Im falschen Körper geboren


Sandra Kerstin Notthoff ist eine Frau, nach der man sich auf der Straße umschaut: Sehr groß, sehr schlank, von herber Schönheit. Männlich-herb, mag mancher denken - und liegt damit gar nicht so verkehrt: Denn 46 Jahre lang, bis zum letzten Herbst vergangenen Jahres, lebte Sandra Kerstin Notthoff als Mann.

Michael
Schon als Kind merkte Michael, dass er irgendwie anders war - anders als seine Brüder, anders als andere Jungs im Dorf oder in der Schule. "Ja, ich hab mich schon als Kind wie ein Mädchen gefühlt." - Doch das auszusprechen war undenkbar. "Ich bin in einem erzkatholischen 3000-Seelen-Dorf aufgewachsen. Über Geschlechtliches wurde da nicht gesprochen." Doch selbst wenn er sich nicht wie ein Junge fühlte: Wie andere Kinder wollte auch Michael seinen Eltern gefallen. "Also hab ich gemacht, was von einem Jungen erwartet wurde. Das konnte man sich ja einfach bei anderen abschauen. - Natürlich baute sich schon damals ein mächtiger Druck in mir auf…" Dennoch spielte Michael seine Rolle gut. Sehr gut. Niemand schöpfte Verdacht. "Meiner Mutter war lediglich aufgefallen, das ich der einzige ihrer vier Söhne war, der immer sauber nach Hause kam."

Sandra
Sandra Notthoff weiß, dass ihr Lebensweg, so spektakulär er Außenstehenden auch erscheinen mag, kein Einzelfall ist. "Ungefähr einem Prozent der Bevölkerung geht es ebenso: Sie sind im falschen Körper geboren worden." Etwa die Hälfte davon begibt sich in Therapie: Statt als Mann wollen sie künftig als Frau, statt als Frau als Mann leben. Davor haben Transsexuelle fast ausnahmslos einen jahrzehntelangen Leidensweg zurückgelegt. "In meiner Generation war das früher ganz einfach so, dass wir gesteinigt worden wären, wenn wir uns offenbart hätten." Den Leidensdruck, den eine Frau fühlt, die im Körper eines Mannes leben muss, kann ein Außenstehender nicht ermessen, meint Sandra Notthoff: "Ich konnte nie ein eigenes Ich entwickeln, war nie authentisch. Ich hatte kein Selbstbewusstsein - weil es mich ja gar nicht gab als Person", versucht sie zu erklären. Viele Transsexuelle verzweifeln an ihrem Leben im falschen Körper. "Genau genommen bleiben ihnen dann drei Möglichkeiten: Sie begehen Selbstmord. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes verrückt. Oder sie trauen sich, ihr Leben selbstbestimmt zu leben - als die Frau oder der Mann, die oder der sie schon immer sein wollten."

Michael
Michael versuchte über Jahrzehnte, seine weibliche Identität zu verleugnen. Er passte sich an, lebte so, wie es die Gesellschaft von einem Mann erwartete. "Um bloß nicht aufzufallen, wurde ich zum typischen Macho: Ich hatte ständig wechselnde Geschlechtspartnerinnen. Und als ich mal zur Kur fuhr, war ich der absolute Hahn im Korbe." Zeitweise fand Michael Halt in einer eigenen Familie. Er heiratete, wurde Vater. "Eigentlich wäre ich lieber eine tröstliche, verständnisvolle Mutter gewesen. Aber von mir wurde natürlich erwartet, ein typischer Vater zu sein. Also gab ich mich streng und unnahbar." Zumindest im Beruf konnte Michael etwas von der Zuwendung und Hilfsbereitschaft weitergeben, die in ihm schlummerte. "Als Krankenpfleger habe ich wirklich meine Erfüllung gefunden." Vor knapp 20 Jahren bekam Michaels Anders-Sein dann einen Namen: "Damals rückte der Begriff Transsexualität ins öffentliche Bewusstsein. Als ich mich näher damit beschäftigte wusste ich: Das ist es." Dennoch war Michael so gefangen in seinem "gottverdammten Männerkörper", dass er vorerst keinen Ausweg fand: "Je länger man eine Rolle spielt, desto weniger hinterfragt man sie. Man nimmt nicht mehr wahr, dass man lügt."

Erst im vergangenen Herbst - nach gescheiterter Ehe war Michael mittlerweile mit einer neuen Freundin von Dortmund nach Schwerin gezogen - hielt er das Versteckspiel nicht mehr aus. "Ich brach zusammen, konnte einfach nicht mehr länger als Mann leben."

Sandra
"Als ich mich meiner Hausärztin offenbarte, hatte ich eine Höllenangst. Aber als es dann endlich raus war, ging es mir richtig gut." Für die Freundin dagegen war die Nachricht ein Schock. Auch die Familie - vor allem der fast 80-jährige Vater - hatte mächtig daran zu kauen, dass ihr Sohn plötzlich als Frau vor ihnen stand. Die leiblichen Kinder brachen den Kontakt zu Sandra ganz ab. Wie hart der Weg vom Mann zur Frau ist, kann Sandra mittlerweile viel besser, aber immer noch nicht ganz abschätzen. "Es ist ungeheuer schwer, an Informationen heranzukommen. Im Internet findet man ganz viel Widersprüchliches. Da war es ganz toll, dass meine Hausärztin so für mich in die Bresche gesprungen ist." Sie vermittelte Sandra auch den Kontakt zu einem Hamburger Hormonspezialisten. Die von ihm eingeleitete Therapie - "Ich bekomme regelmäßig gegengeschlechtliche und weibliche Hormone" - zeigt mittlerweile sichtbar Wirkung: Sandras Züge werden weicher, ihre Figur weiblicher. "Und ich reagiere jetzt auch viel emotionaler. Zum Beispiel weine ich jetzt bei Filmen, bei denen ich früher nie verstanden habe, warum da bei Frauen die Tränen kullern."

Nur den leidigen Bartwuchs können die Hormongaben nicht stoppen. "Eine Laserbehandlung könnte mich dauerhaft davon befreien. Aber meine Krankenkasse will maximal eine Epilation bezahlen", schildert Sandra einen der vielen Kämpfe, die sie jetzt austragen muss.

Michael
Bis Michael ganz aus Sandras Leben verschwindet, wird es noch dauern. Denn erst nach einer geschlechtsumwandelnden Operation ist auch eine Personenstandsänderung zulässig. Danach dürfte Sandra als Frau auch wieder heiraten. Vorerst aber bleibt sie in ihren Personenstandsdokumenten ein Mann.

Bevor aus dem Namen Michael Sandra Kerstin wurde - als "Namensgeberinnen" wählte sie sich gute Freundinnen und ihre Hausärztin- mussten zwei psychologische Gutachten angefertigt werden. Darin sollte geklärt werden, ob der Wunsch nach Geschlechtsumwandlung wirklich ein dauerhafter ist. Sandra konnte deutlich machen, dass ihr Entschluss unumstößlich ist. Dennoch wird sie gelegentlich mit ihrer alten Existenz konfrontiert. Ihre Kreditkarte ist beispielsweise noch auf den Namen Michael ausgestellt. "Als ich damit vor Kurzem im Adler-Modemarkt bezahlen wollte, sagte die Kassiererin zu mir: Wenn Ihnen Ihr Mann etwas kaufen will, dann muss er schon selbst kommen."

Auch anderenorts begegnen sich Michael und Sandra manchmal ungewollt: "Als ich zum ersten Mal als Frau in meine gewohnte Apotheke kam, sagte die Apothekerin zu mir: Ihr Bruder hat nie erzählt, dass er eine Schwester hat. Aber Sie sehen sich wirklich unwahrscheinlich ähnlich."

Sandra
Natürlich gab und gibt es auch unerfreuliche Episoden. "Vor allem Jugendliche pöbeln schon mal. Sie kennen offenbar den Unterschied zwischen Transsexuellen und Transvestiten nicht und glauben, ich würde nur kurzzeitig mal in Frauenkleider schlüpfen, um Party zu machen." Überwiegend aber begegnet Sandra freundlicher Neugier und Hilfsbereitschaft - wobei gerade letztere manchmal auch zu weit geht: "Einige Freundinnen wollten mit mir unbedingt üben, wie ich als Frau meine Hüften schwingen und mich schminken sollte. Aber das ist nun wirklich nicht meine Art."

Auf ihre Art - geradeheraus, aber dennoch unaufdringlich - möchte Sandra jetzt anderen helfen, die ebenfalls im falschen Körper geboren wurden. In der Schweriner Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (Spieltordamm 9) will sie am Mittwoch ab. 18.30 Uhr eine Selbsthilfegruppe "Falsche Verpackung - Transsexualität" gründen. Betroffene und Angehörige sind dazu herzlich eingeladen.


SVZ 12.02.2008 von Karin Preuß


[So finden Sie uns]