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Frontal21 am 2. November 2004
Die Handy-Krankheit
Opfer der SMS-Sucht


Tag und Nacht, zu Hause, beim Einkauf, im Kino, im Bett oder sogar im Schwimmbad: Die Kurzmitteilung übers Handy, die man senden und empfangen kann, ist für SMS-Süchtige lebenswichtig - Tageszeit und Ort spielen keine Rolle mehr.

von Rainer Fromm, 02.11.2004

Ohne Handy können sie sich ihr Leben nicht mehr vorstellen. Statt miteinander zu reden, verschicken sie Kurzmitteilungen, die berühmten SMS. Die Werbung heizt das noch an: Schnell und sexy sein, wie Michael Schumacher. Für viele ist der Griff zum Handy wie eine Sucht, sie werden Handy-krank.

Sucht verschlingt das Taschengeld
Wie die 14-jährige Gymnasiastin, die wir treffen. Sie möchte unerkannt bleiben. Für die Sucht opferte sie alles - ihr Taschengeld, ihre Ersparnisse. Das Dauersimsen verschlang bis zu 700 Euro im Monat: "Ich hing vor dem Handy, habe darauf gestarrt und regelrecht Countdown gezählt: 10,9,8,7, bis die nächste SMS reinkam", erzählt sie. "Das würde ich auf jeden Fall als krankhaft und als Sucht bezeichnen. Du hattest ein ungutes Gefühl, wenn kein Empfang da war. Ich habe mich einfach verloren gefühlt, von der Welt abgeschnitten. Ich hätte mich mit den Leuten, die gerade neben mir saßen, unterhalten können, aber ich habe mich trotzdem allein gefühlt. Zu dem Zeitpunkt war mein Handy wirklich mein einziger Kontakt zur Außenwelt. Das war wie eine Art Trance-Zustand."

Der Psychologe Andreas Herter kennt solche Fälle: "Da haben wir das selbstzerstörende Element, wir haben das Suchtmittel und wir haben die Einschränkung der sonstigen Lebensqualität. Sie erscheinen depressiv, sie essen nicht mehr, sie trinken nicht mehr, sie schlafen nicht mehr. Das Telefon ist plötzlich der Fetisch. Es ist plötzlich der Dreh- und Angelpunkt des Menschen - und das ist Sucht."

Verführung im TV und Internet
"Du kannst hemmungslos baggern oder die Schmetterlinge im Bauch fühlen." "Davon hast Du bisher nur geträumt - SMS mit Erotik" oder "Flirte, bis Dein Handy glüht" - hemmungslos nutzen die Anbieter von tausenden Foren, Web-Seiten und Fernsehspots diese Sucht aus. Den Jugendlichen wird eine Scheinwelt vorgegaukelt. Wer ein Handy hat, gehört dazu, lernt tolle Mädchen und Jungs kennen - 24 Stunden Dauerberieselung.

"Hier wird speziell das viele Simsen wird", erklärt Herter. "Es ist ja gar nicht so, dass man mal eine SMS schickt, dass man das Ding als Kommunikationsmittel braucht und dann ist es gut. Sondern hier werden letztendlich Einsamkeit, Selbstzweifel, sexuellen Ängste unterstützt und das auf dem Boden einer Sucht, da haben wir das komplette Krankheitsbild."

SMS-Junkies
Wir treffen einen 15-jährigen Realschüler. Er war krank, SMS-süchtig. Auch er will unerkannt bleiben. Er simste Tag und Nacht im Bett, im Kino, in der Schule, selbst im Schwimmbad, stundenlang. "Wie viel hat das im Monat gekostet?", fragen wir ihn. "400, 425 Euro", erzählt er. "Was hat das Simsen Dir gegeben?", haken wir nach. "Wenn ich mal eine Stunde nicht gesimst habe, dann wurde ich halt nervös, und das war befriedigend", erklärt er. "Man hatte auch keine Lust was anderes zu machen. Ich hatte immer das Handy dabei, habe immer ein SMS geschrieben."

Rat und Hilfe finden die Jugendlichen bei Mediarisk. Der Verein betreut auch SMS-Süchtige. 120 SMS-Junkies fanden hier bisher Hilfe. "Diese Leute gehen nicht mehr in die Kneipe und reden mit jemanden, diese Leute gehen nicht mehr ins Theater und stehen im Foyer und reden, nein, die simsen, die schreiben SMS", berichtet Rainer Gölz von Mediarisk. "In ganz schweren Fällen ist es wirklich totale Vereinsamung. Die SMS ist wichtiger als alles andere bei diesen schweren Fällen."

"Leer, da fehlt was", antwortet uns ein Mädchen. Sie hat ihr Handy immer dabei. Wir fragen ihre Freundin: "Wie lange hast Du Dein Handy an?" "Den ganzen Tag und die ganze Nacht", meint sie.

Sarah und Ersim schicken sich jeden Tag mindestens zehn SMS. Die 19-Jährigen simsen lieber, als miteinander zu reden oder sich zu treffen. Das sei unkomplizierter, senke die Hemmschwelle. So wird gesimst, was das Zeug hält.

SMS ersetzt das Gespräch
"Also, wenn ich einen Tag mein Handy nicht hätte, ich würde mich nackt fühlen", erzählt Sarah. "Aber ich glaube, das ist bei vielen Jugendlichen so." Wir fragen das Paar, warum sie nicht einfach miteinander reden? Ersim: "Das ist halt Trend geworden. Es macht auch Spaß, SMS zu schreiben, deswegen finde ich SMS besser. Wenn man was Intensives schreibt, dann vergisst man die Umwelt - und nur noch die SMS ist wichtig."

"Das ist zwanghaft", so Gölz. "Es besteht der Zwang: Hilfe ich muss das Handy nachts anlassen, es könnte ja eine wichtige SMS reinkommen, die ich gleich beantworte, noch halb im Schlaf. Es besteht der Zwang, bei einem Funkloch, ich könnte eine SMS verpassen. Und es ist genauso zwanghaft wie der Griff zur Flasche beim Alkoholiker, wie beim Heroinsüchtigen der Griff zur Spritze." Und wie bei Drogen- oder Alkoholsüchtigen kann es Monate dauern, bis sie wieder lernen, das Handy kontrolliert zu nutzen. Experten warnen vor hunderttausenden Handysüchtigen.
von Rainer Fromm

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